NFL: Bradys brisantes Duell mit seiner Geschichte

Die Rückkehr Bradys ins Gilette Stadium ist der erste große Aufreger einer bis dato alles andere als faden Saison. „Und was tut sich, irgendwelche Geschichten diese Woche?“, ließ sich selbst der sonst mürrisch wirkende Belichick zu einer scherzhaften Anmerkung über das mit Spannung erwartete Wiedersehen hinreißen. 20 Jahre lang war der nimmermüde, inzwischen 44-jährige Brady das Gesicht der Patriots, gewann mit dem Team 219 Spiele im Grunddurchgang und 30 von 40 Play-off-Spielen. Dazu holte Brady gemeinsam mit Belichick sechsmal die Vince Lombardi Trophy. Nur die Pittsburgh Steelers haben den Hauptpreis der NFL genauso oft in ihrer Vitrine stehen.

Ein Jahr nach dem sechsten Titel in der Saison 2018/19 fand die erfolgreiche Beziehung jedoch ein jähes Ende. Belichick, der bei den Patriots seit dem Jahr 2000 nicht nur als Cheftrainer, sondern auch de facto als General Manager fungiert, wollte seinem langjährigen Spielmacher keine langfristigen vertraglichen Garantien mehr zusichern. Brady fühlte sich im Gegenzug nicht mehr wertgeschätzt – auch weil New England mit seiner liebsten Anspielstation Rob Gronkowski nicht verlängert hatte. Der Bruch zwischen den Patriots und ihrem Aushängeschild war vollzogen.


APA/AFP/Getty Images/Adam Glanzman

Die erfolgreiche sportliche Ehe zwischen Brady (l.) und Belichick fand 2020 ein wenig harmonisches Ende

Der Rest der Geschichte ist bereits jetzt ein Stück NFL-Legende. Brady nahm seine Familie und sein Talent mit in den Süden zu den Tampa Bay Buccaneers und führte das Team von der Westküste Floridas gleich in seiner ersten von zwei vertraglich zugesicherten Saisonen zum Titel. Als Brady feuchtfröhlich die insgesamt siebente Meisterschaft seiner Karriere feiern durfte, war Belichick mit seinen Patriots schon über einen Monat im Urlaub. Mit nur sieben Siegen und neun Niederlagen verpasste New England erstmals seit 2008 das Play-off.

Belichick voll des Lobes

Kein Wunder, dass das erste direkte Duell zwischen Brady und Belichick Gesprächsthema Nummer eins ist. Der Patriots-Coach war im Vorfeld auch bemüht, die Qualitäten seines ehemaligen Schützlings, den er einst als Nummer 199 im Draft ausgewählt hatte und mit dem er insgesamt zehnmal eine Super Bowl bestritt, hervorzuheben. „Er (Brady, Anm.) hat auf seiner Position mehr erreicht als jeder andere Spieler zuvor, egal nach welchem Maßstab, sei es Yards, Touchdowns oder Meisterschaften“, sagte der Patriots-Coach: „Es gibt nicht genug Superlative, um seine Karriere zu beschreiben.“

Gerüchte über ein gestörtes Verhältnis mit Brady versuchte der 69-Jährige als Falschmeldung abzutun. Speziell ein in dem Buch „It’s Better to be Feared“ („Es ist besser, gefürchtet zu sein“; erscheint am 12. Oktober) des Sportjournalisten Seth Wickersham geschilderter Vorfall, wonach er vor dessen Wechsel ein persönliches Gespräch mit Brady verweigert habe, bezeichnete Belichick als Unwahrheit. „Das stimmt nicht“, sagte der Erfolgscoach, ohne weiter ins Detail gehen zu wollen: „Ich konzentriere mich auf die Vorbereitung auf das Spiel gegen die Bucs.“

Dass neben Brady mit Tight End Gronkowski ein weiteres ehemaliges Stück des jahrelangen Patriots-Erfolgspuzzles nun das Trikot der Buccaneers trägt, verleiht dem Duell am Sonntag – das wenig überraschend zur Primetime am Abend über die Bühne geht – zusätzliche Brisanz. „Ich bin dankbar für alles, was die beiden (Brady und Gronkowski, Anm.) für unser Team geleistet haben, und habe großen Respekt für sie“, sagte Belichick, „aber am Sonntag sind sie unsere Gegner, und wir werden alles daransetzen, dass sie keinen schönen Abend haben werden.“

Brady winken weitere Meilensteine

Brady hielt sich vor der Rückkehr nach Foxborough mit Spitzen Richtung Belichick ebenfalls zurück und strich lieber das Positive der gemeinsamen Vergangenheit hervor. „Er war offensichtlich ein großer Mentor für mich, und natürlich gibt es viele wichtige Lektionen, die ich von ihm gelernt habe“, sagte Brady in seinem Podcast auf SiriusXM. Auf die Diskussion, wer an der Erfolgsgeschichte der Patriots mehr Anteil gehabt hat – siehe Titel nach der Trennung –, wollte er sich auch nicht einlassen. „Jeder Spieler wünscht sich einen Trainer, der für ihn alles gibt und umgekehrt. Das macht eine gute Beziehung aus.“ Aber auch für Brady zählt am Sonntag nur der Sieg. „Ich habe noch viele Freunde dort, aber ich möchte ihnen in den Hintern treten.“

Tom Brady mit Super-Bowl-Pokal


Reuters/USA Today Sports/Jonathan Dyer

Brady, mit Pokal, sicherte den Buccaneers gleich in seinem ersten Jahr eine Titelparade

Brady hat jedoch ausgerechnet in seinem ehemaligen „Wohnzimmer“, wo er in insgesamt 157 Starts für New England nur 23 Niederlagen kassierte, die Chance, weitere Meilensteine in seiner einzigartigen Karriere zu erreichen. Dem Superstar fehlen nur 68 Yards Raumgewinn im Passspiel, um die Bestmarke des heuer zurückgetretenen Drew Brees zu übertreffen. Dazu kann Brady am Ende des Sonntags als vierter Quarterback der Geschichte neben Brees, Brett Favre und Peyton Manning dastehen, der gegen alle 32 aktuellen Clubs der NFL zumindest einmal gewinnen konnte.

Eine Vorlage für Belichick, wie eine Niederlage im Prestigeduell zu verhindern sein könnte, lieferten vergangene Woche die Los Angeles Rams, die Brady und Co. mit einem 34:24 klar in die Schranken wiesen. Die Statistik in Duellen zwischen Quarterbacks und Coaches, die gemeinsam eine Super Bowl gewinnen konnten, spricht mit 4:2 übrigens für die Spielmacher. Das bisher letzte derartige Aufeinandertreffen ging 2008 an den Quarterback: Brad Johnson besiegte mit den Dallas Cowboys Jon Gruden, mit dem er 2003 kurioserweise den ersten Titel nach Tampa geholt hatte, mit 13:9 und trug damit seinen Teil dazu bei, dass Gruden seinen Job am Ende der Saison los war.

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