Felix Danner von der HSG Wetzlar: “Mein Sohn schläft noch im Melsungen-Trikot” | hessenschau.de

Er war “der Bürgermeister von Melsungen” und trifft nun mit der HSG Wetzlar auf seinen alten Verein: Felix Danner spricht im Interview über das Hessenderby am Sonntag, den Trainerwechsel der MT und seine Arbeit als Anlagenmechaniker.

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Audioseite Felix Danner: “Spiel wird erst in letzter Sekunde entschieden”

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Am Sonntag (16 Uhr) empfängt die HSG Wetzlar die MT Melsungen zum Hessenderby. Das Spiel wird auf hessenschau.de im Livestream übertragen. Felix Danner wurde im Juni nach zwölf Jahren bei der MT verabschiedet. Aufsichtsratsvorsitzende Barbara Braun-Lüdicke weinte dabei, sein Mitspieler Julius Kühn nannte ihn den “Bürgermeister von Melsungen”. Im Interview sagt Danner, dass der Trainerwechsel in Melsungen zu spät erfolgt sei. Gleichzeitig lobt er Wetzlars neuen Coach Ben Matschke in den höchsten Tönen.

hessenschau.de: Felix Danner, wie fällt Ihr erstes Zwischenfazit der Saison aus?

Felix Danner: Größtenteils positiv. Wir sind zu Hause sehr dominant aufgetreten, haben aber auswärts ein anderes Bild abgegeben und zu viele Punkte liegen gelassen. In Anbetracht des Startprogramms können wir aber zufrieden sein. In der eigenen Halle werden wir eben enorm angefeuert, in der Fremde ist es nicht das gleiche Gefühl. Da müssen wir uns selbst mehr pushen.

hessenschau.de: Sind Sie dann als Erfahrener auch dafür zuständig, die Kollegen zu pushen?

Danner: Ich versuche, den Jungs zu vermitteln, dass sie auch schlechte Situationen schnell abhaken müssen. Im Handball kann man viele Aktionen schnell wieder ausbügeln – das müssen wir einfach lernen.

hessenschau.de: Die HSG hat fünf Kapitäne, unter anderem Sie. Wie läuft die Rollenverteilung?

Danner: Max (Maximilian Holst; d. Red.) ist der Hauptkapitän, aber wir kümmern uns eben gemeinsam. Mal sagt der eine was, mal der andere. Und Tille (Till Klimpke; d. Red.) sagt sowieso immer was (lacht). Insgesamt stehen wir für eine flache Hierarchie im Team.

hessenschau.de: Ihr Trainer Benjamin Matschke arbeitet nebenbei noch als Lehrer. Er ist in große Fußstapfen von Kai Wandschneider getreten. Wie beurteilen Sie seine Arbeit?

Danner: Ich glaube, dass er mittwochs noch unterrichtet. Sie müssen ihn mal fragen, wie er das alles unter einen Hut bekommt. Ich kann nur sagen, dass er wirklich versucht, jeden Spieler besser zu machen. Er hat ein neues Spielsystem etabliert, in das wir erst einmal reinfinden müssen. Er arbeitet akribisch, auch im Videostudium, und ist ein sehr guter Trainer. Die Fußstapfen von Kai Wandschneider werden auf lange Sicht nicht zu groß für ihn sein. Die HSG wird noch viel Freude an Ben Matschke haben.

hessenschau.de: Was hat er Ihnen als Routinier persönlich beigebracht?

Danner: Es ist für erfahrene Spieler natürlich schwer, die alten Muster ad acta zu legen. Wir spielen aber in der Abwehr eine offensivere 6:0, schieben mehr als neun Meter raus. In Melsungen waren es immer sieben bis acht Meter und wir haben viel mehr geblockt. Ben Matschke verlangt, dass wir mehr Mann-gegen-Mann-bezogen spielen und mehr Zweikämpfe führen.

hessenschau.de: Sie sprechen Melsungen an. Welche Erinnerungen haben Sie an Ihren Abschied im Sommer?

Danner: Das war natürlich sehr emotional, weil ich so lange für Melsungen gespielt habe. Ich habe mich eigentlich noch fit gefühlt, dennoch wurde mein Vertrag eben nicht verlängert. Das war traurig für mich. Beim letzten Spiel kamen erstmals wieder 1.000 Zuschauer, meine Familie war auf der Bühne und meine Mitspieler haben sehr schöne Worte für mich gefunden. Das war schon eine Genugtuung.

hessenschau.de: Sie haben in der vorangegangenen Partie Rot bekommen. Hatten Sie noch Wichtiges zu tun?

Danner: (lacht.) Nein, nein. Die Partie gegen Berlin war durch die Aussagen von Bob Hanning sowieso heiß, gegen die Füchse gab es immer auf die Zwölf. Doch ich fand meine Aktionen gar nicht so schlimm und habe die Schiedsrichter auch gefragt: “Warum stellt ihr mich jetzt in meinem letzten Heimspiel runter?” Die waren ganz erstaunt und haben gesagt: “Du hast schon drei Mal zwei (Minuten)? Das war uns gar nicht so bewusst.”

hessenschau.de: Wie verfolgen Sie die MT in dieser Saison?

Danner: Ich habe ein oder zwei Spiele gesehen, war gegen die Rhein-Neckar Löwen in der Halle.

hessenschau.de: Hat Sie der Trainerwechsel bei der MT überrascht?

Danner: Er kam etwas zu spät in meinen Augen. Das habe ich den Verantwortlichen auch gesagt. Wenn du merkst, dass eine Mehrzahl der Spieler dem System nicht eins zu eins folgt und Verbesserungsvorschläge nicht angenommen werden, ist es schwer, Erfolg zu haben. Richtig offensichtlich wurde es im Pokalfinale, als wir keinen Plan B, keine Mannschaft B hatten. Viele Jungs waren außen vor und haben deshalb auch null Selbstvertrauen tanken können.

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Livestream

zum Livestream Sonntag, 16 Uhr: HSG Wetzlar – MT Melsungen


Szene aus einer Partie zwischen Wetzlar und Melsungen

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hessenschau.de: Das betraf auch Sie.

Danner: Ja, ich habe die ersten beiden Europapokalspiele bestritten und war dann plötzlich in der Vorrunde voll raus. Das war ein Dämpfer für mich. Am Schluss, als mein Abschied längst fest stand, war ich dann über 50 Minuten immer dabei. Das war dann auch für die anderen Spieler auf meiner Position schwer nachzuvollziehen.

hessenschau.de: Warum schöpft Melsungen sein Potenzial nicht aus?

Danner: Ganz einfach: Weil du die individuelle Klasse in mannschaftliche Geschlossenheit umwandeln musst.

hessenschau.de: Welche Erinnerungsstücke haben Sie noch von der MT?

Danner: Ich habe noch das gerahmte Trikot aufbewahrt und die schöne Collage der Fans. Meine Kinder laufen daheim noch im MT-Trikot herum. Mein Sohn benutzt es als Schlafanzug, er besteht darauf, es jeden Abend anzuziehen. Nicht mal zum Handballspielen will er es überstreifen, weil es eben sein fester Schlafanzug ist. Meine Tochter trägt mein altes Trikot der Nationalmannschaft. Das wirkt dann auch eher wie ein Nachthemd (lacht). Aber natürlich haben beide auch HSG-Trikots und drücken beim Spiel Wetzlar die Daumen.

hessenschau.de: Die MT-Verantwortlichen wollten Sie nach der Karriere im Klub einbinden. Wie konkret sind die Pläne?

Danner: Zunächst einmal fühle ich mich fit und will noch weiter spielen, wenn die HSG mit mir verlängern möchte. Ich habe so viel Spaß am Handball – warum soll ich das aufgeben? Bei der MT gibt es gar keine konkreten Pläne, zumindest wurde mir nichts gesagt. Ich verfüge auch über einen B-Trainerschein und kann mir vorstellen, Trainer zu werden. Und ich habe noch eine abgeschlossene Ausbildung als Anlagenmechaniker in der Tasche.

hessenschau.de: Was haben Sie da gemacht? Und ist der Job wirklich eine Option für Sie nach der Karriere?

Danner: Ja. Der Job setzt sich aus zwei Berufen zusammen: Heizungsbauer und Installateur. Ich war für Klimatechnik zuständig, habe Heizungen montiert oder Leitungen für die Fußbodenheizung verlegt. Das hat wirklich Spaß gemacht, weil du auch immer an der frischen Luft arbeitest. Ich bin damals in meiner Lehre um 6.30 Uhr morgens raus und abends von der Arbeit zum Training. Ich hatte ja nicht damit gerechnet, Profi-Handballer zu werden. In meinem ersten Lehrjahr spielte ich noch in der Regionalliga – ich bin erst später in den Profi-Handball gerutscht. Für mich wäre es auch kein Problem, wieder in den alten Job zurückzukehren.

hessenschau.de: Abschließend: Wie geht das Hessenderby aus?

Danner: Es wird hart ein umkämpftes Spiel, das erst in der letzten Sekunde entschieden wird. Und ich hoffe für die HSG Wetzlar. 

Das Gespräch führte Ron Ulrich.