Formel 1: Vorsicht sorgt bei Hamilton für Frust

Hamilton, der am Samstag zwar das Qualifying gewonnen hatte, aber aufgrund eines vierten Motorentauschs in der Startaufstellung zehn Plätze strafversetzt wurde, verlor mit dem fünften Platz wieder die WM-Führung an seinen niederländischen Konkurrenten. Verstappen steuerte seinen Red Bull auf nassem Asphalt hinter Bottas zu Rang zwei und liegt nun wieder sechs Punkte vor dem siebenfachen Weltmeister. Sechs Rennen sind noch zu fahren.

Trotzdem sah sich Hamilton von seiner Box um eine noch bessere Platzierung gebracht, nachdem er in der Schlussphase gegen seinen Willen doch noch zum Reifenwechsel beordert wurde. Auf Platz drei liegend wollte der 36-Jährige das Rennen auf seinen abbauenden Intermediates durchfahren, der Kommandostand von Mercedes holte den verärgerten Hamilton aus Sorge vor einem möglichen Reifenplatzer dennoch an die Box. „Im Nachhinein hätten wir draußen bleiben sollen oder früher reinkommen sollen“, meinte Hamilton, „letzten Endes ist es sehr frustrierend.“


Reuters/Murad Sezer

Hamilton, hier im Vordergrund, wäre mit seinen Reifen gerne bis zum Schluss über den Istanbuler Asphalt gerutscht

Hamilton ärgerte sich vor allem darüber, dass er nicht bis zum Schluss standhaft geblieben war, nachdem er die ersten Anweisungen zum Reifenwechsel noch ignoriert hatte. „Meinem Bauchgefühl nach hätte ich draußen bleiben sollen“, klagte der Titelverteidiger, der vor zwei Wochen in Sotschi auch dank eines gut getimten Boxenstopps bei einsetzendem Regen seinen 100. Sieg gefeiert hatte. „Ich bin deshalb frustriert, nicht meinem Instinkt gefolgt zu sein. Aber wir gewinnen und verlieren als Team. Heute habe ich auf mein Team gehört, aber ich wäre gerne das Risiko eingegangen.“

Mercedes-Boss verteidigt Vorsicht

Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff verstand den Frust seines Stars, räumte aber lediglich ein, dass man Hamilton besser doch früher an die Box holen hätte sollen. „Lewis war dann eineinhalb Sekunden langsamer bei zehn Runden noch zu fahren“, sagte der Wiener nach dem Rennen. Die nun sechs Punkte Rückstand auf Verstappen nahm Wolff im Gegensatz zu Hamilton mit Blick auf das noch ausstehende Programm in Kauf: „Sechs Punkte machen nichts aus“, so Wolf, denn abgerechnet werde erst am Schluss.

Erster Saisonsieg für Bottas in Istanbul

Beim Formel-1-Grand-Prix in Istanbul holte Valtteri Bottas seinen ersten Saisonsieg. Der Finne im Mercedes, der aus der Poleposition startete, setzte sich vor den Red-Bull-Piloten Max Verstappen und Sergio Perez durch.

Die Mercedes-Verantwortlichen, die speziell von der britischen Presse, etwa der „Daily Mail“, als „Angsthasen“ tituliert wurden, erhielten zudem Rückendeckung von Pirelli. Auf die Frage, ob Hamilton seinen dritten Platz mit abgefahrenen Reifen gehalten hätte, antwortete Pirelli-Chef Mario Isola ablehnend: „Wenn ich mir die Reifen nach dem Rennen anschaue, dann muss ich sagen, nein oder es wäre haarscharf am Limit gewesen“, sagte der Italiener. Laut Isola wären die Reifen der Fahrer, die erst spät gewechselt hatten, „total am Ende“ gewesen.

Red-Bull-Freude mit Schönheitsfehler

Auch wenn man im Istanbul Park mit Bottas doch einem Mercedes den Vortritt lassen musste, sah man im Fahrerlager bei Red Bull Racing dank der wiedergewonnenen WM-Führung nur frohe Gesichter. „Wir sind glücklich mit dem zweiten Platz. Unter diesen Bedingungen ist es einfach, Fehler zu machen“, sagte Verstappen, dessen Teamkollege Sergio Perez am Sonntag mit dem dritten Platz den erfolgreichen Arbeitstag krönte. Auf die Frage, was für ihn im Grand Prix der Türkei am schwersten gewesen sei, scherzte er: „Wach zu bleiben.“

RedBull Pilot Max Verstappen.


AP/Umit Bektas

Verstappen reist mit der neuerlichen WM-Führung im Gepäck zu den nächsten Rennen in Übersee

Angesichts der Tatsache, dass er Sieger Bottas in keiner Phase des Rennens fordern konnte, verging den Verantwortlichen bei Red Bull aber das Lachen. „Was uns Sorgen macht, ist dieser unglaubliche Topspeed von Mercedes auf den Geraden, das ist seit Silverstone so und scheint mehr zu werden. Ich weiß nicht, ob unsere Leute ein Gegenmittel haben“, sagte Motorsportberater Helmut Marko. Der Steirer sprach daher am Sonntag auch vom „Optimum, das wir herausholen konnten.“

„Bestes Rennen“ von Bottas

Bottas ließ sich hingegen weder vom Frust seines Teamkollegen Hamilton noch vom Verlust der Führung in der Fahrerwertung für Mercedes die Freude über seinen insgesamt zehnten Grand-Prix-Sieg vermiesen. „Das war wahrscheinlich eines meiner besten Rennen überhaupt“, meinte der Finne, der davor das letzte Mal Ende September 2020 in Russland gewonnen hatte. „Großartig“ fühle sich dieser Erfolg an. „Ich durfte mir keinen Fehler erlauben.“

Mit seinem Sieg, dem sechsten für Mercedes in dieser Saison, trug Bottas auch seinen Teil dazu bei, dass Red Bull Racing bei den Konstrukteuren aktuell 36 Punkte hinter den Silberpfeilen liegt. Der achte Gewinn dieser Wertung in Folge wäre ein passendes Abschiedsgeschenk von Bottas an den Rennstall. Denn der Finne muss nach diesem Jahr George Russell Platz machen und wechselt als Nachfolger seines Landsmannes Kimi Räikkönen zu Alfa Romeo. Das nächste Rennen steht in zwei Wochen am 24. Oktober (21.00 Uhr, live in ORF1) mit dem Grand Prix der USA in Austin auf dem Programm.