Ryder Cup: Europäer hoffen auf Wind als Verbündeten

Wiesberger, der als erster Österreicher der Geschichte im zwölfköpfigen Aufgebot von Kapitän Padraig Harrington aufscheint, absolvierte am Dienstag seine ersten Proberunden auf dem Kurs in Whistling Straits rund 80 km nördlich von Milwaukee. Zusammen mit Matt Fitzpatrick setzte sich der Burgenländer dabei im Bestball gegen die Teamkollegen Ian Poulter und Paul Casey durch.

Schon auf den ersten Runden machten die „Whistling Straits“ – wörtlich übersetzt die „pfeifenden Meerengen“ – ihrem Namen alle Ehre. Denn viel Wind und kühle Temperaturen, die vor allem die britischen Teammitglieder im europäischen Team an ihre Heimat erinnerten, begleiteten die Spieler beim ersten Kennenlernen. Auch der Platz erinnert nicht nur stark an einen britischen Links-Kurs, sondern ist auch kürzer und weicher zu spielen als erwartet.


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Die Nähe zum Lake Michigan gepaart mit regnerischem Wetter soll den Europäern in die Karten spielen

„Schwierige Witterung und exponierte Plätze sind an sich eher ein Vorteil für Europäer. Die Amerikaner sind es gewohnt, in guten und warmen Bedingungen zu spielen“, sagte Niki Wiesberger, der seinen Bruder Bernd an Ort und Stelle unterstützt. Whistling Straits wartet zudem mit vielen Bunkern und blinden Schlägen auf. „Der Kurs ist definitiv anders als die amerikanischen Ryder-Cup-Plätze, auf denen in den letzten Jahren gespielt wurde. Dieser Platz hebt nicht zwingend die typischen amerikanischen Stärken hervor“, sagte Wiesbergers Bruder. Er könne sich die „Entschärfung“ nur so erklären, als dass man damit ein attraktiveres Spiel für die Zuschauer gewährleisten wolle.

Heimvorteil gegen Teamspirit

Den vermeintlichen Nachteil auf dem Platz sollen aus US-Sicht die Zuschauer kompensieren. Obwohl schon am Dienstag viele Fans das Geschehen beobachteten, waren aufgrund der Coronavirus-Reisebeschränkungen nur ganz wenige in europäischem Blau anzutreffen. Die Spieler absolvierten Medientermine und machten Teamfotos, bewegen sich insgesamt aber in einer ganz engen Coronavirus-Blase. Zu den Zuschauern wird Distanz gewahrt, Autogramme sollen keine gegeben werden.

Vorfreude bei Wiesberger

Bernd Wiesberger ist als erster Österreicher bei einer Ausgabe des Ryder Cups dabei und blickt mit entsprechender Vorfreude auf sein Debüt.

Für die Europäer spricht hingegen der kolportierte stärkere Zusammenhalt im Team. Bei den Amerikanern wurde ausgerechnet vor dem Ryder Cup der Konflikt zwischen Bryson DeChambeau und Brooks Koepka medial hochgekocht. Koepka kritisiert seit Jahren das langsame Spiel von DeChambeau. Als „kindisch“ bezeichnete Europas ehemaliger Kapitän Tony Jacklin den Streit, der nur den Gästen zugutekomme. „Die Europäer werden jede Schwäche beim Gegner ausnutzen“, ist der 77-Jährige überzeugt. Martin Kaymer, einer von fünf Vizekapitänen im aktuellen Europa-Team, ist sich sicher. „Wir haben den besseren Teamspirit.“

Europas Spieler sind mit einem Weltranglistendurchschnitt von 30 deutliche Außenseiter gegenüber den Amerikanern, die einen Durchschnitt von Platz neun aufzuweisen haben. Dafür stehen gleich sieben erfahrene Spieler im Team von Harrington, die 2018 in Paris den Titel geholt haben. Die Europäer haben als Titelverteidiger auch den Vorteil, dass ihnen bei 28 zu vergebenen Punkten ein Remis zum neuerlichen Gewinn des Ryder Cups genügt. Gespielt wird Freitag und Samstag in 16 Vierern (klassischer Vierer bzw. Bestball), Sonntag folgen zwölf Einzelpartien.

Wiesbergers Rolle noch offen

Welche Rolle Wiesberger bei seiner sporthistorischen Premiere spielen wird, ist noch offen. Als einzigem Spieler ohne US-PGA-Tourkarte trauen die US-Experten dem Burgenländer nur eine Nebenrolle zu. Der 35-Jährige könnte aber genau deshalb zu einem „Joker“ werden. Gerade im Matchplay-Format hat der Österreicher schon mehrmals stärkere Gegner geschlagen und deshalb durchaus Chancen, schon am Freitag zu einem Einsatz zu kommen.

„Ich habe natürlich so meine Ideen, was im Training geübt wird. Aber es ist der Job der Medien herauszufinden, was sein könnte, und nicht mein Job, es ihnen zu sagen“, ließ sich Europas Kapitän Harrington ebenso wenig in die Karten blicken wie sein US-Pendant Steve Stricker. Harrington hatte bei der Anreise im Flugzeug jedenfalls versprochen, alles zu tun, „damit die Trophäe beim Rückflug am Montag wieder mit an Bord ist.“ Die USA führen insgesamt zwar mit 26:14, bei neun der jüngsten zwölf Auflagen seit 1995 hatte aber Europa das bessere Ende für sich.